Was bleibt, ist die Verbindung

Für Gerhard Lürzer bedeutet Unternehmertum weit mehr als wirtschaftlicher Erfolg. Es geht darum, Menschen zusammenzubringen, Gastfreundschaft zu leben und Räumen eine Seele zu geben. Seit 1987 prägt er die Lürzer- Unternehmensgruppe in Obertauern mit und hat sie gemeinsam mit seinen Brüdern Harald und Heribert mit Leidenschaft, Kreativität und Mut zu einem vielseitigen Familienunternehmen entwickelt. Heute vereint sie zahlreiche Betriebe aus Hotellerie, Gastronomie, Handel und Tourismus – verbunden durch den Anspruch, Gästen unvergessliche Erlebnisse zu schenken.

RAIMUND DÖLLERER : Obertauern ist weit mehr als ein Urlaubsort. Für viele Menschen ist es ein Gefühl des Ankommens. Was verbindet die Familie Lürzer mit diesem Fleck Erde – und was macht Heimat für euch aus?
GERHARD LÜRZER : Obertauern ist kein gewachsener Ort im klassischen Sinn. Es war immer ein Durchzugsort – und vielleicht haben wir gerade deshalb gelernt,aus dem Durchzug Verbundenheit zu machen. Heimat ist für uns nicht nur eine Postleitzahl oder Besitz. Heimat ist dort, wo man Verantwortung übernimmt, die Menschen kennt, auch Widerspruch aushält und nach einer Reise gern wieder ankommt. Zu Obertauern gehören für uns die Berge und der Winter, aber genauso die Stille nach der Saison. Dieser Ort gibt Energie und fordert uns. Vielleicht ist das Heimat: ein Platz, der einen nicht festhält, sondern Rückhalt gibt.
R . D . : In Jahrzehnten als Gastgeber begegnet man Tausenden Menschen. Gibt es eine Begegnung oder einen Gast, der euch bis heute begleitet – weil er euch berührt, überrascht oder sogar verändert hat? Beständigkeit ist dabei kein Stillstand. Eine gute Verbindung muss man – wie einen Sauerteig – füttern, auffrischen und führen.
G . L . : Es ist weniger ein einzelner Name als eine Art von Begegnung. Besonders berührt uns, wenn Menschen nach Jahren wiederkommen und man spürt, dass aus einem Aufenthalt ein Stück gemeinsamer Geschichte geworden ist. Manche lernt man als Paar kennen, später kommen sie mit ihren Kindern – und irgendwann steht schon die nächste Generation vor einem. Als Gastgeber glaubt man anfangs, man müsse vor allem etwas geben. Mit der Zeit versteht man: Die Gäste geben genauso viel zurück. Sie bringen andere Blickwinkel, Lebensgeschichten und manchmal genau den Satz, den man in diesem Moment gebraucht hat. Solche Begegnungen verändern nicht laut, aber dauerhaft.
R . D . : Es gibt Häuser, in denen alles perfekt ist – und trotzdem fehlt etwas. Was ist dieses „Etwas“ ,das Atmosphäre entstehen lässt und das man weder kaufen noch planen kann?
G . L . : Man kann gute Architektur, schöne Stoffe und perfekte Abläufe kaufen. Echtes Interesse kann man nicht bestellen. Atmosphäre entsteht, wenn Menschen nicht nur Aufgaben abarbeiten, sondern einander wahrnehmen. Das beginnt bei den Mitarbeitern: Wer Akzeptanz und Wertschätzung spürt, gibt diese Haltung ganz selbstverständlich an den Gast weiter. Ein Haus darf Ecken haben und ein Mensch auch. Gerade darin liegt oft die Wärme. Perfektion beeindruckt vielleicht für einen Augenblick; Authentizität bleibt. Oder, wie wir gern sagen: vielleicht nicht perfekt, aber glücklich.
R . D . : Unsere Familien verbindet längst mehr als Wein. Aus einer Geschäftsbeziehung ist über viele Jahre echte Freundschaft geworden. Was braucht es, damit Vertrauen nicht nur entsteht, sondern sogar Generationen überdauert?
G . L . : Vertrauen wächst nicht durch große Erklärungen, sondern durch viele kleine Erfahrungen: Ein Wort gilt. Man spricht Dinge früh an. Man bleibt auch dann verlässlich, wenn es gerade unbequem ist. Und man lässt zu, dass der andere die Welt anders sieht. Freundschaft heißt nicht, Konflikte zu vermeiden. Sie heißt, nicht bei jedem Unterschied die ganze Beziehung infrage zu stellen. Wenn Kinder erleben, dass Respekt, Handschlagqualität und Freude am Miteinander wirklich gelebt werden, übernehmen sie nicht bloß eine Geschäftsverbindung. Sie übernehmen eine Haltung. So können Vertrauen und Freundschaft Generationen überdauern.
R . D . : Heute scheint vieles schneller zu werden. Gäste buchen kurzfristiger, Mitarbeitende wechseln häufiger, Beziehungen wirken oft unverbindlicher. Warum sind gerade heute langfristige Partnerschaften vielleicht wertvoller denn je?
G . L . : Je schneller die Welt wird, desto kostbarer ist etwas, das nicht bei jeder Bewegung neu verhandelt werden muss. Langjährige Partner kennen nicht nur unsere Stärken, sondern auch unsere Eigenheiten. Das spart Energie und macht Ehrlichkeit möglich.
Dann trägt sie gerade in unsicheren Zeiten. Sie gibt Stabilität, ohne Entwicklung zu verhindern, und oft auch den Mut, gemeinsam etwas Neues zu beginnen.
R . D . : Gab es in eurem Leben einen Moment, in dem euch bewusst geworden ist: Genau dafür machen wir das alles?
G . L . : Solche Momente kommen selten mit Ansage. Eigentlich gibt es nicht den einen, sondern viele – in der Lürzer Alm, in der Edelweissalm, im Freudenhaus und in unseren anderen Lürzer-Betrieben. Als dort jeweils zum ersten Mal Menschen gemeinsam feierten, wurde aus einem Gebäude ein Ort der Begegnung. Wenn ein Haus voller Leben ist, Gäste miteinander lachen, Mitarbeiter stolz auf ihre Arbeit sind und aus einem Besuch eine schöne Erinnerung wird, dann weiß man: Genau darum geht es. Nicht nur Häuser zu betreiben, sondern Räumen ein Leben zu geben. Wenn Gäste, Mitarbeiter, Freunde und die Familie sich darin wohlfühlen, bekommt die ganze Arbeit ihren Sinn.
R . D . : Wenn eure Kinder oder Enkel einmal sagen würden: „Typisch Lürzer“ – was würdet ihr euch wünschen, dass sie damit meinen?
G . L . : Dass wir neugierig geblieben sind, Verantwortung nicht weitergeschoben und lieber etwas ausprobiert als nur darüber geredet haben. „Typisch Lürzer“ darf ruhig auch heißen: ein bisschen impulsiv, manchmal hartnäckig, aber immer mit Herz für Menschen und Orte. Uns wäre wichtig, dass die nächste Generation nicht bloß Betriebe übernimmt. Sie soll den Mut übernehmen, Dinge zu verändern, und gleichzeitig die Dankbarkeit für das, was andere vor ihr aufgebaut haben. Und wenn am Ende noch „vielleicht nicht perfekt, aber glücklich“ dazukommt, wäre das sehr schön.
R . D . : Vervollständigt bitte diesen Satz ganz spontan: „Verbundenheit bedeutet nicht …, sondern …“
G . L . : Verbundenheit bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein, sondern einander so zu vertrauen, dass Unterschiede die Beziehung nicht bedrohen.
R . D . : Wenn ihr auf euer Leben zurückblickt: Welche Verbindungen bleiben am Ende wirklich? Sind es Orte, gemeinsame Erlebnisse, Werte – oder ganz bestimmte
Menschen?
G . L . : Am Ende bleiben die Menschen. Orte sind die Bühne, Werte der Kompass und gemeinsame Erlebnisse der Stoff, aus dem Erinnerungen entstehen. Aber jede Erinnerung bekommt irgendwann ein Gesicht und eine Stimme. Familie, Freunde, langjährige Wegbegleiter, Mitarbeiter und Gäste – sie geben einem Ort erst Bedeutung. In einer Bilanz steht nicht, wer im richtigen Moment zugehört, mitgelacht oder widersprochen hat. Für das Leben ist genau das oft der größte Wert.
R . D . : Unsere Familien gehen seit vielen Jahren ein gemeinsames Stück Weg. Wenn ihr an die Familie Döllerer denkt: Welcher Moment, welches Bild oder welche Erinnerung steht für euch sinnbildlich für diese Verbundenheit?
G . L . : Es ist weniger ein einzelner spektakulärer Moment als ein wiederkehrendes Bild: ein langer Tisch, an dem das Geschäftliche längst besprochen ist und trotzdem niemand aufsteht. Man erzählt, lacht, diskutiert offen, schenkt noch einmal nach – und merkt, dass aus Partnern Freunde geworden sind. Diese Selbstverständlichkeit kann man nicht beschließen. Sie wächst über Jahre und ist ganz wertvoll. Für uns steht genau dieses Bild für die Verbindung mit der Familie Döllerer: Man kann miteinander arbeiten, feiern und auch ehrlich verschiedener Meinung sein, ohne dass das Gemeinsame kleiner wird.
R . D . : Wenn ihr eure Familiengeschichte in einem einzigen Satz an die nächste Generation weitergeben müsstet – welcher wäre das?
G . L . : Bleibt neugierig, übernehmt Verantwortung für Menschen und Orte, und habt den Mut, Dinge zu verändern, ohne zu vergessen, wem ihr sie verdankt.
