Partnerportrait

Echte Begegnungen

Sabine Döllerer im Gespräch mit Benjamin Schneider und Patrick Krummenacher

Benjamin Schneider & Patrick Krummenacher

Kennengelernt haben sich die Gastgeber Benjamin und Patrick an der École hôtelière, der renommierten Hotelfachschule in Lausanne. Nach ihrem Studium sammelten sie auf der ganzen Welt umfangreiche Erfahrungen, die sie schließlich 2017 mit nach Lech brachten. Gemeinsam gestalten sie das nächste Kapitel des Hotel Arlberg erfolgreich weiter. Hier verbinden sie ihre Vision von moderner Gastlichkeit mit tiefem Respekt – nicht nur für die Familiengeschichte, sondern auch für das lokale Kulturerbe von Lech – was zu einer Verschmelzung von Tradition und Moderne führt. Ihr beständiges Streben nach Exzellenz bringt frischen Wind und spiegelt die tiefe Wertschätzung für ihre Heimat wider.

SABINE DÖLLERER: „Familien, die gemeinsam arbeiten, bleiben zusammen – oder werden gemeinsam verrückt.“ Was sind eure liebsten und größten Herausforderungen im Familienalltag im Unternehmen?

BENJAMIN SCHNEIDER: Die größte Herausforderung in einem Familienunternehmen besteht für mich darin, Emotion und Sachlichkeit bewusst voneinander zu trennen. Wenn man nicht nur Kollegen, sondern Familie ist, kommuniziert man automatisch anders. Man kennt die Stärken und Schwächen des anderen bis ins Detail, teilt Alltag, Urlaub und private Momente – das schafft eine völlig andere Ausgangslage als in einem klassischen beruflichen Umfeld. Dadurch kann eine
sachliche Diskussion schnell eine emotionale Ebene bekommen, oft ohne dass man es sofort merkt. Genau hier braucht es viel Selbstreflexion und Disziplin: persönliche Befindlichkeiten zurückzustellen und Entscheidungen im Sinne des Uternehmens zu treffen. Man muss sich immer wieder selbst hinterfragen und bewusst zwischen Rolle und Beziehung unterscheiden. Gleichzeitig sehe ich darin auch eine große Stärke – gerade in der Hotellerie. Wir arbeiten in einem emotionalen Business. Es geht darum, Erlebnisse, Erinnerungen und Gefühle zu schaffen. Dass wir als Familie mit dieser emotionalen Tiefe im Alltag unterwegs sind, empfinde ich daher nicht als Nachteil, sondern als wertvollen Bestandteil unserer Unternehmenskultur. Eine weitere Herausforderung ist es, klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen. In einem Familienbetrieb verschwimmen diese naturgemäß.
 

Ein einfaches Beispiel: Nach einem langen Arbeitstag essen wir abends gemeinsam im Restaurant – als Familie. Und doch bleiben wir jederzeit ansprechbar für Gäste und Mitarbeitende. Arbeit und Freizeit gehen oft Hand in Hand. Umso wichtiger ist es, sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen – nicht als Unternehmer, sondern als Familie.

SABINE DÖLLERER: Wenn das Hotel Arlberg ein Familienmitglied wäre, wer wäre es und warum?

PATRICK KRUMMENACHER: Die Antwort ist Hannes Schneider. Als Patron und Gentleman prägt er das Haus seit vielen Jahren mit seiner Persönlichkeit. Seine persönliche Betreuung gehört für viele Gäste ganz selbstverständlich zum Urlaubserlebnis dazu. Ob beim kurzen Gespräch in der Lobby, bei der Begrüßung oder einfach zwischendurch – Hannes nimmt sich Zeit, hört zu und kümmert sich mit echter Aufmerksamkeit um die Anliegen und Wünsche unserer Gäste. Dabei lebt er eine ausgeprägte Hands-on-Mentalität. Er ist sich nie zu schade, selbst einen Koffer zu tragen oder einen Teller in die Hand zu nehmen. Genau diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Team: Jeder unterstützt jeden, abteilungsübergreifend und selbstverständlich. Dieses Miteinander ist ein zentraler Teil unserer Identität. Was Hannes dabei besonders auszeichnet, ist die Kombination aus Eleganz und Herzlichkeit. Er verkörpert Stil, Präsenz und gleichzeitig echte Nähe – und genau diese Mischung spiegelt auch das Hotel Arlberg wider.

S. D.: Was habt ihr als Familie im Hotelalltag gelernt, das ihr nie in einem Business-Buch lesen würdet?

B. SCH.: Was wir als Familie im Hotelalltag gelernt haben – und was so in keinem Business-Buch steht – ist, wirklich jeden Gast gleich zu behandeln. Ganz egal, ob jemand nur auf einen Espresso vorbeikommt, kurz nach dem Weg fragt oder unsere teuerste Suite gebucht hat: Am Ende ist jeder Mensch, der durch unsere Tür tritt, ein Gast. Und jeder verdient dieselbe Aufmerksamkeit, denselben Respekt und dieselbe Herzlichkeit. In der Theorie sprechen viele von Servicekultur und Gästefokus. In der Praxis bedeutet das aber, Haltung zu zeigen – auch dann, wenn es sich wirtschaftlich vielleicht nicht „rechnet“. Gerade die kleinen Begegnungen sind oft entscheidend. Man weiß nie, wer wiederkommt, wer uns weiterempfiehlt oder wer einfach genau in diesem Moment ein freundliches Wort braucht. Diese Selbstverständlichkeit von Wertschätzung haben wir nicht aus Management-Literatur gelernt, sondern im täglichen Miteinander – von Generation zu Generation.
 

S. D.: Wie schafft ihr es, Tradition und Innovation unter einem familiären Dach zu vereinen?

P. K.: Für uns sind Tradition und Innovation kein Widerspruch, sondern ein Dialog zwischen den Generationen. Entscheidend ist, dass bei der Weiterentwicklung des Hauses wirklich alle mitbedacht werden – von der Großmutter bis zum Enkelkind. Jede Generation bringt ihre eigene Perspektive, ihre eigenen Werte und Erfahrungen ein. Wir „Jungen“ haben vielleicht viele neue Ideen und einen starken Drang, Dinge weiterzuentwickeln, Prozesse zu modernisieren oder neue Konzepte umzusetzen. Gleichzeitig sind die Erfahrungswerte unserer Eltern und unserer Großmutter unglaublich wertvoll. Sie helfen uns, Entwicklungen einzuordnen, Trends kritisch zu hinterfragen und Entscheidungen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Innovation entsteht bei uns nicht aus einem Bruch mit der Vergangenheit, sondern aus dem Verständnis für das, was das Haus seit jeher ausmacht. Die Tradition gibt uns die Identität – und die Innovation sorgt dafür, dass diese Identität zeitgemäß weiterlebt.

S. D.: Wenn euer Weinkeller sprechen könnte – welche Geschichte würde er als Erstes erzählen?

B. SCH.: Wenn unser Weinkeller sprechen könnte, würde er wahrscheinlich als Erstes vom Hochwasser 2005 erzählen. Gerade erst fertiggestellt, wurde er am 23. August von einem Jahrhunderthochwasser überrascht. Binnen kürzester Zeit stand alles unter Wasser. Was eigentlich ein Moment der Freude und des Stolzes sein sollte, wurde zur echten Bewährungsprobe. Jede einzelne Flasche musste danach von Hand gereinigt werden – vorsichtig und mit viel Geduld, damit sich die Etiketten nicht lösten. Es war eine Arbeit, die Demut gelehrt hat und gleichzeitig den Wert jedes einzelnen Details bewusst gemacht hat. Bei einer Flasche Petrus ist das Etikett dennoch verloren gegangen. Und so wurde dieser besondere Tropfen schließlich ganz unkompliziert mit Frankfurter Würsteln getrunken – vielleicht nicht die klassischste Kombination, aber definitiv eine, die man nicht vergisst. Diese Geschichte steht bis heute sinnbildlich für unseren Umgang mit Herausforderungen: anpacken, zusammenhalten – und selbst in schwierigen Momenten den Humor nicht verlieren.

S. D.: Food-Trends 2030: Welche kulinarische Entwicklung findet ihr spannend – und welche darf bitte nie Realität werden?

P. K.: Healthy Living und Longevity sind Entwicklungen, die uns in den kommenden Jahren sicherlich noch stärker begleiten werden – und die ihren festen Platz in der Küche finden. Das spüren wir schon heute: Im Vergleich zu vor zehn Jahren bieten wir deutlich mehr gesunde, ausgewogene und bewusste Alternativen auf unserer Speisekarte an. Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass es am Ende immer um Balance geht. Zwischen den Käsespätzle und gedünstetem Gemüse. Zwischen Genuss und Bewusstsein. Für uns darf Essen nicht nur funktional sein – es soll Freude machen, verbinden und Teil des Urlaubserlebnisses sein. Ein Trend, den wir für unser Haus hingegen nicht sehen, ist eine zu starke Technologisierung des Essens – etwa Food-Tech-Konzepte, die individuelle Hormonhaushalte oder hochpersonalisierte Nährstoffanalysen in den Mittelpunkt stellen. Solche Ansätze haben ihre Berechtigung, aber eher in spezialisierten Health Resorts. Im Hotel Arlberg bleibt Kulinarik vor allem eines: ehrlich, genussvoll und mit Gefühl.

S. D.: Wenn ihr euer Lieblingspaar aus Speise & Wein als Kurzgeschichte erzählen müsstet – wie würde sie beginnen?

B. SCH.: Vor langer Zeit – irgendwo zwischen Küche und Weinkeller – begegneten sich ein knusprig-goldenes Schnitzel und ein eleganter „Greif“ der Weinhofmeisterei Hirtzberger. Auf den ersten Blick schienen sie unterschiedlich: hier die bodenständige österreichische Seele auf dem Teller – dort die feine, vielschichtige Raffinesse aus der Wachau im Glas. Doch wie so oft im Leben war es genau dieser Kontrast, der sie füreinander bestimmte. Das Schnitzel brachte Wärme, Vertrautheit und diesen unverwechselbaren Duft von Heimat mit. Der Greif hingegen steuerte Frische, Präzision und eine vibrierende Mineralität bei. Gemeinsam erzählten sie keine laute, sondern eine harmonische Geschichte – von Tradition, Handwerk und zeitloser Eleganz. Und so lebten sie glücklich bis ans Ende aller Tage – vielleicht nicht über sieben Bergen bei sieben Zwergen, aber ganz sicher bei uns im Restaurant, wo sie Abend für Abend aufs Neue zueinanderfinden.
 

S. D.: Wie pflegt ihr langfristige Partnerschaften in Zeiten, in denen alles „on demand“ und „just in time“ sein soll?

P. K.: In einer Zeit, in der vieles „on demand“ und „just in time“ funktionieren soll, setzen wir bewusst auf das Gegenteil: Verlässlichkeit, Beständigkeit und echte Beziehungspflege. Zeit hat man nicht – man nimmt sie sich. Das gilt für Partnerschaften genauso wie für Freundschaften oder Familie. Langfristige Zusammenarbeit entsteht nicht zwischen Tür und Angel, sondern durch regelmäßigen Austausch, persönliche Begegnungen und ehrliches Interesse am Gegenüber. Dazu gehört auch gute Planung und Vorbereitung. Wer langfristig denkt, plant nicht nur für die nächste Saison, sondern für die nächsten Jahre. Man wächst gemeinsam, entwickelt sich weiter und meistert Herausforderungen miteinander. Gerade in unserer Branche sind stabile Partnerschaften ein entscheidender Erfolgsfaktor. Sie basieren auf Vertrauen – und Vertrauen entsteht nicht „just in time“, sondern über Zeit.
 

S. D.: Club House-Geburt: Wie kam die Idee wirklich zustande? War es ein Moment der Erleuchtung, ein Glas Wein zu viel oder ein Gespräch am Küchentisch?

B. SCH.: Mehrere Gläser Wein, würden wir im ersten Moment sagen. Aber ganz ehrlich: Es war eher ein Prozess als ein einzelner Geistesblitz. Die Idee entstand eigentlich durch einen einfachen, fast alltäglichen Moment – den Blick aus unserem Büro. Schräg gegenüber stand das alte Verkehrsamt. Über Wochen hinweg habe ich dieses Haus immer wieder angesehen. Gleichzeitig wusste ich, dass eine Ausschreibung der Gemeinde im Raum steht. Und je öfter mein Blick dorthin fiel, desto stärker wurde der Wunsch, genau hier etwas Eigenes zu entwickeln. Was dieses Etwas konkret sein sollte, entstand nicht über Nacht. Die inhaltliche Ausrichtung wuchs Schritt für Schritt – in Workshops, in intensiven Gesprächen, in strategischen Überlegungen. Und ja, auch in klassischen Kopfkissengesprächen kurz vor dem Einschlafen, wenn die Gedanken plötzlich klarer werden. Am Ende war es also weder nur ein Glas Wein noch ein einzelner Moment der Erleuchtung – sondern eine Mischung aus Gelegenheit, Vision, Austausch und dem Mut, eine Idee wirklich weiterzudenken.