Laura Handerer im Portrait

„Heimat, das war für mich immer Golling. Da lebt meine Familie und da sind meine Wurzeln. Freundschaften sind dort entstanden, Beziehungen haben sich entfaltet und mein Leben hat sich entwickelt. Dort wurde eine Art von Erdung geschaffen, die in mir das Vertrauen in mich selbst und in meine Zukunft erst haben wachsen lassen“, erzählt Laura. Vor einiger Zeit hat sie den Radius weiter gezogen und in Berchtesgaden ihre neue, zweite Heimat gefunden. Jedes Mal, wenn sie von ihrer neuen in die alte Heimat fährt, überquert sie die Grenze zwischen Bayern und Österreich. Eine leichte Übung, denn das Verbindende war für Laura eben immer schon wichtiger als das Trennende.
„Golling ist ein Teil von mir“, sagt Laura, und man glaubt es ihr aufs Wort. Das Band innerhalb der Familie ist nach wie vor eng. „Meine Eltern haben mir Flügel geschenkt. Die Freiheit, zu tun, was ich gerne tun möchte.“ Aus dieser Freiheit heraus hat sie die Welt erkundet. Von Hongkong bis nach Australien und Amerika, von Rom und Florenz bis nach Magdeburg und nun nach Berchtesgaden. Immer mit einem Lachen im Gesicht und der Zuversicht, dass schon alles gut gehen wird. Dazwischen hat sie immer wieder im elterlichen Betrieb mitgearbeitet. Nach der Matura an der Höheren Technischen Lehranstalt für Bautechnik ging es erst einmal nach Rom, um die Sprache zu erlernen und la dolce vita hautnah zu erleben. „Ich bin einfach in den Zug gestiegen und nach Rom gefahren“, erzählt sie. „Allein, mit zwei Koffern und ohne große Pläne.“ Die Sprache könne sie zwar immer noch nicht perfekt, aber la dolce vita und Aperocena hat sie bis heute verinnerlicht. Sie lacht gern, bleibt sich treu und weiß, dass echte Freude aus einem selbst kommen muss.
Nach der Rückkehr aus Rom hat sie Papa Raimund dann immer wieder mal zu Weinveranstaltungen mitgenommen, in der Hoffnung, dass das reiselustige Kind die Leidenschaft für Wein entdeckt.
Tatsächlich hat sie die Motivation dafür aber erst bei ihrem Praktikum bei Willi Bründlmayer in Langenlois gepackt. „Schon nach den ersten zwei Wochen im Weinkeller wusste ich, dass ich mich in Zukunft mit keinem anderen Thema lieber beschäftigen möchte als mit Wein und habe mich entschieden, Internationale Weinwirtschaft in Geisenheim zu studieren – obwohl ich keine Ahnung hatte, was genau mich dort erwarten würde“, sagt sie lachend.
Laura hat sich wieder einmal darauf eingelassen, Grenzen zu überschreiten und den Horizont zu erweitern. Was folgte, war eine Studienzeit, wie man sie sich nicht schöner hätte wünschen können. Ein kleiner Ort, der die spannendsten und gleichzeitig lustigsten Menschen anzog. „Es war einfach großartig, schon vom ersten Tag an entwickelten sich Freundschaften, die bis heute geblieben sind“, erzählt sie. So wie jene zu Carolin Spanier-Gillot und ihrem Mann Hans-Oliver Spanier, die dann später den Hochzeitswein von Laura und ihrem Mann Justus beigesteuert haben. Auch Hans und Cecily Rebholz haben nicht nur im Döllerer-Sortiment ihren Platz gefunden, sondern ganz besonders in Lauras Herz.
Die Zeit in Geisenheim verstärkte Lauras Wertschätzung für Heimat und Familie. Anders als viele Studienkollegen hatte sie kulinarisch schon viel erlebt und Weine verkostet, die man in jungen Jahren meist nur vom Hörensagen kennt. Trotzdem ist sie offen geblieben. Für Neues und vor allem für anderes. Für das Schauen über den eigenen Glasrand – unabhängig von ihren persönlichen Vorlieben für deutschen Riesling und für Chardonnay. Wenn sie über Wein spricht, dann spricht sie immer auch über die Menschen dahinter. Wein ist für sie auch ein bisschen subjektiv. Dagegen könne und wolle sie sich auch gar nicht wehren. „Mir ist der Charakter wichtig, die menschlichen Werte, die hinter einem Wein stecken. Man verkauft die Dinge einfach besser, wenn man sich damit identifizieren kann“, stellt sie fest.
„Eine Großfamilie wie die unsere ist wie ein großer Esstisch, an dem jeder Platz hat. Manchmal diskutiert man, meist lacht man und irgendwie sitzt immer wer länger als geplant.“
Heimat, Familie und Wein – alles gehört zusammen
Eine Eigenschaft, die sich wie ein roter Faden durchs Leben zieht, denn Laura hat sich stets auf ihre Intuition verlassen, auf das Gefühl für das Gegenüber. So hat sie auch ihren Mann Immanuel Justus kennengelernt. In einer Zeit, als Corona gerade die Welt kleiner gemacht hatte, an der Grenze zwischen Bayern und Österreich. „Die Grenzen waren dicht, wir hatten uns über Tinder am Dürrnberger Grenzzaun verabredet“, sagt sie und lacht. Überall Polizei, in der Hand eine Flasche Chardonnay vom Nikolaihof und ein Buch mit dem Titel „Der kleine Grenzverkehr“. Was als Tinder-Match begann, war ein Match fürs Leben. „Man spürt einfach, wenn es passt“, sagt sie. Mit Justus, dem bayerischen Kardiologen, war von Anfang an klar, dass es anders sein würde. „Er hat mir das Gefühl gegeben, angekommen zu sein“, sagt sie. Danach sei eigentlich alles recht schnell gegangen: Hochzeit, Geburt von Xaver, Hausbau in Berchtesgaden und jetzt ist das zweite Kind unterwegs. „Es fühlt sich einfach richtig an. Natürlich und so ohne jeden Zweifel“, sagt Laura. Ein Leben lang habe sie nach dem Heimatgefühl gesucht, das ihre Eltern Sabine und Raimund grundgelegt haben – nun habe sie es gefunden.
„Kennst du das Gefühl, wenn man ein Haus baut und alles riecht nach Dahoam?“, fragt sie. Golling riecht anders als Berchtesgaden, schön und vertraut ist beides. Heimat ist eben nicht nur ein Ort, sondern Tiefgang. Weil es die Menschen sind, die dieses Gefühl wachsen und gedeihen lassen. Das spürt man auch an der Beziehung, die Laura zu ihren Brüdern hat. Der eine war ihr Trauzeuge, der andere ist der Patenonkel von Sohn Xaver. Man liebt sich, kann blind vertrauen und weiß, dass die gemeinsamen Wurzeln täglich tiefer wachsen. Selbst dann, wenn man sich nicht mehr ganz so oft sieht.
Die meisten von Lauras Träumen haben sich mit der eigenen Familie bereits erfüllt, und doch ist sie sich sicher, dass das Schönste noch vor ihr liegt. Viel Gutes schlummert noch in ihrer innerlichen Ruhe und ihrem Gefühl, angekommen zu sein. „Das gibt mir Mut, groß zu träumen und weniger ,was wäre, wenn …‘ zu fragen, sondern mehr ,was, wenn alles gut geht‘ zu sagen“, meint sie.
Und wie verbindet Laura all das mit ihrer Arbeit in Döllerers Weinhaus?
Dort ist sie für Marketing, Online-Medien und die Webshops zuständig, ebenso für organisatorische Dinge und die Enoteca. „In der Firma zu sein bedeutet für mich gleichzeitig, mich zu Hause zu fühlen“, sagt Laura. Wie sie selbst darf auch Xaver eine unbeschwerte Kindheit erleben – umgeben von Omas, Opas und Uromas. Wenn er nicht in der Krabbelgruppe ist, unterhält er das Weinhaus oder besucht im Stammhaus seine Urlioma und freut sich wie einst Laura über den Leberkäs in der Feinen Kost. „Er liebt es einfach, mit dem Opa Stapler zu fahren, und der Opa liebt es auch“, schmunzelt sie. Es erinnert sie an die Zeit, als sie mit ihrer Mama täglich nach Wals pendelte und bei der Urlioma unbeschwert den Tag verbrachte, während Sabine in der Baufirma ihrer Eltern arbeitete. Oder an Golling, wo sie mit der Oma Leberknödel gerollt oder mit dem Opa Hütten zum Spielen und Verstecken gebaut hat, während sich die Eltern um das Geschäft gekümmert haben.
Wenn Laura auf den Döllerer als Gesamtes blickt, ist für sie das familiäre Band, das alles zusammenhält, das Wichtigste. Die Familie wächst, und die Aufgaben entwickeln und wandeln sich. Dinge, die früher zwischen Brüdern und deren Partnerinnen besprochen und entschieden wurden, umfassen mit Lauras Generation auch Cousins und Großcousinen. „Das Wichtigste ist für mich, dass wir immer das Band spüren, das uns verbindet – unsere gemeinsamen Wurzeln und Werte. Wir sind viele und verschieden, aber genau das macht uns stark. In einem Familienunternehmen mit so langer Tradition trägt man Verantwortung nicht nur für das, was war, sondern auch für das, was kommen wird. Bewahren und weiterdenken – beides gehört untrennbar zusammen“, sagt sie.
So sehr sie das Mama-Sein genießt, so sehr liebt Laura auch ihre Arbeit. „Ich kann meiner Leidenschaft für Wein nachgehen, finde immer wieder neue Entfaltungsmöglichkeiten, bin mit spannenden Menschen in Kontakt und sehe dabei auch noch meine Familie. Ich habe wirklich Glück“, sagt sie. Ein Glück, das sie gemeinsam mit Immanuel Justus auch an ihre Kinder weitergeben will. Sie sollen jenes Urvertrauen entwickeln, das auch ihnen später Flügel verleihen wird. Sie fliegen und ankommen lässt. Abheben und landen. Laura ist es gelungen. Ihr Leben zwischen den Grenzen ist satt. Es ist Dahoam-Dahoam.



LAURAS LIEBSTES PLATZERL
Der Rinnkendlsteig & die Archenkanzel
Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern die neue Heimat Berchtesgaden zu entdecken, in der Natur zu sein und sich dabei zu erden, das ist für Lauras kleine Familie zum Hobby geworden. Die Leidenschaft für die Berge hat Immanuel in ihr geweckt. Eine der ersten gemeinsamen Touren des Paares – und die für sie beeindruckendste – war die Wanderung von St. Bartholomä am Königssee über den Rinnkendlsteig zur Archenkanzel. Recht ausgesetzt, teils gesichert und nur etwas für Schwindelfreie, führt der Steig in steilen Serpentinen an den Hängen des Kleinen Watzmanns entlang. Danach wird man auf der Archenkanzel mit einem der schönsten Ausblicke über den Königssee belohnt und kann über die Kührointalm und die Kling wieder zurück in den Ort Schönau am Königssee absteigen.
